Donnerstag, 14.10.1999 Royal Chitwan Nationalpark Gaida Wildlife Lodge

Weit entfernt sind wir von den stolzen Bergriesen, die längst hinter uns verschwun-den sind, mehr als 140 km oder sechs Stunden Busfahrt entfernt. Allerdings haben sie sich heute früh, als wir über den Begnas See gerudert wurden, nochmals in ihrer ganzen Schönheit gezeigt, Machupachare und die Anapurnas schreien locken dro-hen jodeln ziehen uns noch einmal in ihren Bann mit ihren Schneefeldern und der Machupachare mit seiner Unberührbarkeit, denn als heiliger Berg ist er der einzige noch nicht bestiegene Berg dieser Gegend. Am Bus erfahren wir dann nach, daß gestern der erste Tag nach dem Monsun war, an dem sich die Berge aus ihrer Verkleidung schälten. Die anschließende Fahrt führte uns durch die Schluchten des Mahabharat-Gebirges, entlang des Trisuli Rivers, auf dem wir eine ganze Anzahl von Raftingbooten entdeckten. Malerische Gebirgsgegenden mit Gipfeln, die immerhin auch über zweitausend Meter groß sind, wechseln sich ab mit quirligen Dörfern und Städten wie der Kreuzungspunkt Mugling. Dann wieder geht es über schmale Brücken, die den Trisuli kreuzen, bis schließlich die Berge zurückbleiben, nur noch Flachland vor uns liegt. Wir erreichen das Terai, eine Gegend, die bis in die fünfziger Jahre ein malariaversuchter Sumpfgürtel von etwa fünfundzwanzig Kilometer Breite war. Dieses Sumpfland stellt die geographische Verlängerung der südlicheren Gan-gesebene dar, in dem hauptsächlich der Stamm der Tharu lebt, die dadurch berühmt wurden, daß sie resistent gegen die Malaria sind. Schließlich hält der Bus, wir laufen mit unserem Handgepäck über eine sehr interessante Brücke, die das Bindeglied für jeglichen Klein-Verkehr zwischen den Ufern darstellt: auf Betonsockeln ruhen die Holzbalken, die von nicht mal hüfthohen Drahtseilen eingesäumt sind. Teilweise sind Löcher in den Brettern, hier und da fehlt ein Stückchen, aber das wird nicht weiter beachtet von dem unaufhörlichen Strom von Fußgängern, Fahrradfahrern, Motorrä-dern und sogar Rikschaähnlichen Gefährten, die links und rechts keine zwanzig Zentimeter Luft für entgegenkommende Menschen übrig lassen... Auf der anderen Seite des Flusses erwarteten uns schon die Jeeps, die uns das letzte Stück bis zur Gaida Wildlife Lodge befördern. Nach einem Mittagessen geht es dann auch gleich weiter zum Elephant- Briefing, bei dem wir alles Wissenswerte über den indischen Elefan-ten und seine Unterschiede zur afrikanischen Art erfahren. Wir lernen, daß ein sol-ches Tier etwa 10.000 USD kostet, jedoch sehr hohe zusätzliche Kosten für seine Verpflegung notwendig sind und über einhundert Liter Wasser täglich benötigt... Nach einer Demonstration der verschiedensten Befehle, die der Mahut, der Elefan-tenführer, entweder akustisch oder mit den Füßen erteilt, geht es zur ELEPHANT EMBARKING PLATFORM. Zu dritt besteigen wir das Gestell auf dem Rücken des Elefanten, der uns die nächsten zwei Stunden durch den Dschungel und über die Grasflächen tragen wird. Als erstes geht es platschend und schwankend durch den Rapti River, dann dringen wir in den dichten Wald ein und haben unerhörtes Glück, denn bereits nach kurzer Zeit stöbern wir einen Leoparden auf, der sich im Unterholz versteckt hat. Zwei oder dreimal zeigt unser Mahut auf ein Gebüsch und flüstert et-was, das wir nicht gleich verstehen. Dann, als wir es endlich kapieren, springt der Leopard aus dem Versteck und jagt in weiten Sprüngen davon. Durch die großen Elefantenfüße wird er noch ein weiteres Mal gestört, diesmal läuft er ein Stück vor uns lang bevor er erneut im Unterholz verschwindet. Kein fremder, störender Laut wird in der Umgebung laut, nur der ständige Geräuschpegel des Waldes, das Krachen der Äste unter den Tritten der großen Tiere... Später sehen wir noch ein Reh und einen Büffel und dann die nächste Attraktion - das einhörnige Panzernashorn, das wir im zweimeterhohen Elefantengras aufspüren. Zuerst entdecken wir ein Pärchen, später sogar eine Mutter mit Nashornkind, die vor den Elefanten nicht weglau-fen, sich nicht beeindrucken lassen von den größeren Tieren. Natürlich entdecken wir auch eine Vielzahl von Spinnen, Blumen und anderen exotischen Gewächsen und dann ist die Zeit viel zu schnell vorüber, zurück geht es durch den Dschungel, durch den Fluß... Wir kommen in der Dämmerung an, haben eine kurze Ruhepause und können dann eine Stocktanz - Vorführung der Tharus genießen. Drei verschiedene Tänze führen die jungen Männer und Frauen vor, einer davon ein Erntetanz, bei dem mit den Stöcken die typischen Handbewegungen bei der Ernte dargestellt werden und bei dem auch gesungen wird. Die ganze Szenerie wird nur erhellt durch einige blakende Lampen, der dumpfe Klang der Trommeln erhebt sich über dem Gemurmel und den Schreien des nächtlichen Waldes, hell hebt sich davon der Klang der Stöcke ab, die die Tänzer aufeinandertreffen lassen. Weniger schön ist mein persönliches Desaster, schlagartig hat mich eine Bronchitis mit Fieber erwischt. Heute konnte ich kaum noch reden und am Abend fühlte ich mich total down. Also treffen wir eine Entscheidung: wir bleiben den nächsten Tag in der Lodge, während unsere Mitreisen-den, nach einer Frühpirsch auf dem Elefantenrücken, eine zweistündige Kanufahrt unternehmen, gefolgt von einer Wanderung zum Dschungelcamp, in welchem sie dann in Zelten übernachten und einer Wanderung zu einem Tharu-Dorf, in welchem sie dann auch die Häuser von innen betrachten konnten. Freitag, 15.10.1999 Royal Chitwan Nationalpark Gaida Wildlife Lodge Dumpf und schwül war die Nacht, von Fieberträumen durchwachsen, ich fühle mich wie durch die Mangel gedreht, hoffend, daß die Antibiotika im Laufe des Tages an-schlägt. Nach dem Frühstück schlafe und schwitze ich bis zum Mittag, Ruhe be-stimmt den Tag. Jetzt, kurz vor Einbruch der Dämmerung, sitzen wir beim Tee auf einer Holzterasse, nahe am Fluß, erleben die unglaubliche Vielfalt der Geräusche der Natur, kaum ein menschliches Geräusch stört dazwischen, die untergehende Sonne zaubert einen Nebelstreif über die Wiesen, rote Libellen genießen die letzten Son-nenstrahlen auf einem Holzgeländer, Schmetterlinge flattern vorüber, ein Reiher wa-tet vornehm am anderen Ufer, fängt einen Fisch, Vögel fliegen vorbei, die ersten wel-ken Blätter fallen vom Baum, bald kommen die Elefanten von ihrer heutigen Safari zurück... Ein Wort noch zu unserem Bungalow - komplett aus Holz, mit dünnen Wänden, die innen mit Bambus verkleidet sind, im Zimmer als auch im Bad besteht die Beleuchtung aus Kerzen, die Treppe wird durch Petroleumlampen erhellt. Richtig einladend, am Abend auf die Terasse in einem der Korbsessel die Stimmung zu ge-nießen, die Eindrücke auf sich wirken zu lassen... Wenn da nicht die kleinen Mos-quitos wären, im Zimmer nimmt uns eine Rauchspirale das letzte bißchen Luft zum atmen, die Luft bewegt sich keinen Millimeter und von außen hämmern die Mücken gegen das Fliegenfenster... Am Abend kommen wir dann in den Genuß eines Dia-vortrages, den uns der Manager des Camps empfohlen hatte, da wir die Tharutänze schon kannten. Allerdings hatte er nicht erwähnt, daß es eine Privatvorstellung für uns beide war! Also saßen wir alleine im Dining Room und erlebten die schon etwas betagten, jedoch liebevollen Dias über den Royal Chitwan Nationalpark. Dieser Park ist einer von mehreren Naturschutzgebieten im Lande, die die ursprünglichen Le-bensbedingungen und vor allem einige vom Aussterben bedrohte Tierarten wie das Nashorn erhalten sollen.

Begnas Lake 3
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