Weit entfernt sind wir von den
stolzen Bergriesen, die längst hinter uns verschwun-den sind, mehr als 140 km
oder sechs Stunden Busfahrt entfernt. Allerdings haben sie sich heute früh,
als wir über den Begnas See gerudert wurden, nochmals in ihrer ganzen Schönheit
gezeigt, Machupachare und die Anapurnas schreien locken dro-hen jodeln ziehen
uns noch einmal in ihren Bann mit ihren Schneefeldern und der Machupachare mit
seiner Unberührbarkeit, denn als heiliger Berg ist er der einzige noch nicht
bestiegene Berg dieser Gegend. Am Bus erfahren wir dann nach, daß gestern der
erste Tag nach dem Monsun war, an dem sich die Berge aus ihrer Verkleidung schälten.
Die anschließende Fahrt führte uns durch die Schluchten des Mahabharat-Gebirges,
entlang des Trisuli Rivers, auf dem wir eine ganze Anzahl von Raftingbooten
entdeckten. Malerische Gebirgsgegenden mit Gipfeln, die immerhin auch über zweitausend
Meter groß sind, wechseln sich ab mit quirligen Dörfern und Städten wie der
Kreuzungspunkt Mugling. Dann wieder geht es über schmale Brücken, die den Trisuli
kreuzen, bis schließlich die Berge zurückbleiben, nur noch Flachland vor uns
l
iegt.
Wir erreichen das Terai, eine Gegend, die bis in die fünfziger Jahre ein malariaversuchter
Sumpfgürtel von etwa fünfundzwanzig Kilometer Breite war. Dieses Sumpfland stellt
die geographische Verlängerung der südlicheren Gan-gesebene dar, in dem hauptsächlich
der Stamm der Tharu lebt, die dadurch berühmt wurden, daß sie resistent gegen
die Malaria sind. Schließlich hält der Bus, wir laufen mit unserem Handgepäck
über eine sehr interessante Brücke, die das Bindeglied für jeglichen Klein-Verkehr
zwischen den Ufern darstellt: auf Betonsockeln ruhen die Holzbalken, die von
nicht mal hüfthohen Drahtseilen eingesäumt sind. Teilweise sind Löcher in den
Brettern, hier und da fehlt ein Stückchen, aber das wird nicht weiter beachtet
von dem unaufhörlichen Strom von Fußgängern, Fahrradfahrern, Motorrä-dern und
sogar Rikschaähnlichen Gefährten, die links und rechts keine zwanzig Zentimeter
Luft für entgegenkommende Menschen übrig lassen... Auf der anderen Seite des
Flusses erwarteten uns schon die Jeeps, die uns das letzte Stück bis zur Gaida
Wildlife Lodge befördern. Nach einem Mittagessen geht es dann auch gleich weiter
zum Elephant- Briefing, bei dem wir alles Wissenswerte über den
indischen
Elefan-ten und seine Unterschiede zur afrikanischen Art erfahren. Wir lernen,
daß ein sol-ches Tier etwa 10.000 USD kostet, jedoch sehr hohe zusätzliche Kosten
für seine Verpflegung notwendig sind und über einhundert Liter Wasser täglich
benötigt... Nach einer Demonstration der verschiedensten Befehle, die der Mahut,
der Elefan-tenführer, entweder akustisch oder mit den Füßen erteilt, geht es
zur ELEPHANT EMBARKING PLATFORM. Zu dritt besteigen wir das Gestell auf dem
Rücken des Elefanten, der uns die nächsten zwei Stunden durch den Dschungel
und über die Grasflächen tragen wird. Als erstes geht es platschend und schwankend
durch den Rapti River, dann dringen wir in den dichten Wald ein und haben unerhörtes
Glück, denn bereits nach kurzer Zeit stöbern wir einen Leoparden auf, der sich
im Unterholz versteckt hat. Zwei oder dreimal zeigt unser Mahut auf ein Gebüsch
und flüstert et-was, das wir nicht gleich verstehen. Dann, als wir es endlich
kapieren, springt der Leopard aus dem Versteck und jagt in weiten Sprüngen davon.
Durch die großen Elefantenfüße wird
er
noch ein weiteres Mal gestört, diesmal läuft er ein Stück vor uns lang bevor
er erneut im Unterholz verschwindet. Kein fremder, störender Laut wird in der
Umgebung laut, nur der ständige Geräuschpegel des Waldes, das Krachen der Äste
unter den Tritten der großen Tiere... Später sehen wir noch ein Reh und einen
Büffel und dann die nächste Attraktion - das einhörnige Panzernashorn, das wir
im zweimeterhohen Elefantengras aufspüren. Zuerst entdecken wir ein Pärchen,
später sogar eine Mutter mit Nashornkind, die vor den Elefanten nicht weglau-fen,
sich nicht beeindrucken lassen von den größeren Tieren. Natürlich entdecken
wir auch eine Vielzahl von Spinnen, Blumen und anderen exotischen Gewächsen
und dann ist die Zeit viel zu schnell vorüber, zurück geht es durch den Dschungel,
durch den Fluß... Wir kommen in der Dämmerung an, haben eine kurze Ruhepause
und können dann eine Stocktanz - Vorführung der Tharus genießen.
Drei verschiedene Tänze führen die jungen Männer und Frauen vor, einer davon
ein Erntetanz, bei dem mit den Stöcken die typischen Handbewegungen bei der
Ernte dargestellt werden und bei dem auch gesungen wird. Die ganze Szenerie
wird nur erhellt durch einige blakende Lampen, der dumpfe Klang der Trommeln
erhebt sich über dem Gemurmel und den Schreien des nächtlichen Waldes, hell
hebt sich davon der Klang der Stöcke ab, die die Tänzer aufeinandertreffen lassen.
Weniger schön ist mein persönliches Desaster, schlagartig hat mich eine Bronchitis
mit Fieber erwischt. Heute konnte ich kaum noch reden und am Abend fühlte ich
mich total down. Also treffen wir eine Entscheidung: wir bleiben den nächsten
Tag in der Lodge, während unsere Mitreisen-den, nach einer Frühpirsch auf dem
Elefantenrücken, eine
zweistündige
Kanufahrt unternehmen, gefolgt von einer Wanderung zum Dschungelcamp, in welchem
sie dann in Zelten übernachten und einer Wanderung zu einem Tharu-Dorf, in welchem
sie dann auch die Häuser von innen betrachten konnten. Freitag, 15.10.1999 Royal
Chitwan Nationalpark Gaida Wildlife Lodge Dumpf und schwül war die Nacht, von
Fieberträumen durchwachsen, ich fühle mich wie durch die Mangel gedreht, hoffend,
daß die Antibiotika im Laufe des Tages an-schlägt. Nach dem Frühstück schlafe
und schwitze ich bis zum Mittag, Ruhe be-stimmt den Tag. Jetzt, kurz vor Einbruch
der Dämmerung, sitzen wir beim Tee auf einer Holzterasse, nahe am Fluß, erleben
die unglaubliche Vielfalt der Geräusche der Natur, kaum ein menschliches Geräusch
stört dazwischen, die untergehende Sonne zaubert einen Nebelstreif über die
Wiesen, rote Libellen genießen die letzten Son-nenstrahlen auf einem Holzgeländer,
Schmetterlinge flattern vorüber, ein Reiher wa-tet vornehm am anderen Ufer,
fängt einen Fisch, Vögel fliegen vorbei, die ersten wel-ken Blätter fallen vom
Baum, bald kommen die Elefanten von ihrer heutigen Safari zurück... Ein Wort
noch zu un
serem
Bungalow - komplett aus Holz, mit dünnen Wänden, die innen mit Bambus verkleidet
sind, im Zimmer als auch im Bad besteht die Beleuchtung aus Kerzen, die Treppe
wird durch Petroleumlampen erhellt. Richtig einladend, am Abend auf die Terasse
in einem der Korbsessel die Stimmung zu ge-nießen, die Eindrücke auf sich wirken
zu lassen... Wenn da nicht die kleinen Mos-quitos wären, im Zimmer nimmt uns
eine Rauchspirale das letzte bißchen Luft zum atmen, die Luft bewegt sich keinen
Millimeter und von außen hämmern die Mücken gegen das Fliegenfenster... Am Abend
kommen wir dann in den Genuß eines Dia-vortrages, den uns der Manager des Camps
empfohlen hatte, da wir die Tharutänze schon kannten. Allerdings hatte er nicht
erwähnt, daß es eine Privatvorstellung für uns beide war! Also saßen wir alleine
im Dining Room und erlebten die schon etwas betagten, jedoch liebevollen Dias
über den Royal Chitwan Nationalpark. Dieser Park ist einer von mehreren Naturschutzgebieten
im Lande, die die ursprünglichen Le-bensbedingungen und vor allem einige vom
Aussterben bedrohte Tierarten wie das Nashorn erhalten sollen.