Ja,
seit gestern sind wir wieder im "verbotenen Tal", einem Hochtal, das auf 1300
Meter liegt, umgeben von Gebirgszügen. Bis 1952 war dieses Tal für Ausländer,
also westliche Menschen, gesperrt. Bis dahin herrschte hier Mittelalter und
manchmal scheint es, als wäre es noch nicht vorüber. Heute morgen hängt ein
dicker Dunst über dem Tal, aber regnet nicht mehr! Unser heutiges Ziel ist Patan,
das einst eine der drei Königsstädte im Kathmandutal war. Heute ist das sechs
Kilometer entfernte Patan mit Kathmandu zusammengewachsen, wir überqueren den
Bagmatri River und sind bereits am Ziel. Wir verlassen den Bus und laufen bis
zum Durbar Square, der hier sehr gut erhalten ist. Pünktlich um zehn Uhr reißen
die Wolken auf, die Son-ne brennt jetzt mit einer brachialen Gewalt auf uns
Leichtgläubige nieder, die nicht mehr damit gerechnet haben und eher ein Sweatshirt
anhaben und innerhalb von wenigen Minuten schwitzen... Von einer Art Beobachtungspunkt,
einer kleinen, leicht erhöhten Terrasse aus, können wir den ganzen Platz überschauen,
blicken auf den Rana-Palast, der heute als Museum ausgebaut ist. In dieser Ausstellung
sehen wir viele Darstellungen der Gottheiten aus unterschiedlichen Zeiten und
in verschiedenen Darstellungen, die alle sehr gut kommentiert sind. Ein besonderes
Highlight ist natürlich der Thron einer vergangenen Epoche. Wir schauen uns
ausgiebig
in den Räumen um und stürzen uns anschließend wieder in das Gewühl des Durbar
Squa-res, der einfach überwältigend ist. Natürlich erscheint uns heute bei Sonnenschein
sowieso alles viel lichter nach all den Tagen des Regens und der Trübheit. Doch
wieder fühlen wir uns zurückversetzt in eine unbekannte Zeit, irgendwohin zwischen
die Seiten eines Märchenbuches, denn das was wir hier sehen, übersteigt all
unsere Erwartungen. Der gesamte Platz ist mit roten Ziegeln gepflastert, die
neben den Holzkonstruktionen eines der Hauptmerkmale nepalischer Baukunst sind.
Neuer-dings ist als neues Baumaterial das Wellblech hinzugekommen, das wir in
den Au-ßenbezirken der Städte und auf dem Land oft gesehen haben. Doch in dem
sehr sauber wirkenden Zentrum von Patan sehen wir dieses moderne Baumaterial
eher selten. Schräg gegenüber vom Palast befinden sich der Bhimsentempel, Vishveshva-ra-
Tempel
und Krishna-Tempel, die im Kathmandutal unvermeidliche Malla-Säule und noch
eine weitere Anzahl von Tempeln. An den Straßenseiten haben Händler ihre Stände
aufgebaut, wieder einmal Holzschnitzereien aller Art aber auch Schmuck und Gebrauchsgegenstände
aus Metall, zum Beispiel ein Tiger-und-Ziegen-Spiel, dem wir nicht widerstehen
können. Weiter gelangen wir dann durch einige Querstra-ßen zum fünfstöckigen
Kumbheshvara-Tempel, der das wichtigste Shiva-Heiligtum von Patan und eines
der ältesten und wichtigsten Heiligtümer des Tales ist. In seiner unmittelbaren
Nachbarschaft befindet sich ein Kali-Tempel. Im Gegensatz zu den Staatstempeln
tobt hier das religiöse Leben - lange Schlangen haben sich vor dem Kali-Heiligtum
gebildet, dichte Rauchwolken von unzähligen Butterlämpchen und Opfergaben, überall
liegen Hunde, Ziegen und Schafe, die die Opfergaben wegfres-sen und natürlich
Mensch
enmassen.
Interessant ist auch das große Wasserbecken im Nordteil des Tempelgeländes,
das eine direkte Verbindung mit dem heiligen See Gosainkund im Himalaya besitzen
soll. Ein Bad in diesem Becken ist dementspre-chend gleichbedeutend mit einer
beschwerlichen Pilgerreise in die Berge und dem dortigen Bad! Einen interessanten
Hintergrund zu diesem Tempelgelände gibt es noch: wenn ein Liebespaar keine
Zustimmung der Eltern zur Hochzeit erhält, aber hier auf diesem Gelände eine
Nacht verbringt, gilt die Ehe als geschlossen! Auf dem weiteren Weg besichtigen
wir noch einen kleinen Tempel, dessen Restaurierung Studiosus finanziert hat.
Patan erscheint uns wohlhabender und sauberer als Kath-mandu, obwohl es hier
keine Stadtreinigung gibt, doch vielleicht ist es gerade die Selbstorganisation,
die mehr vollbringt als eine Institution... Vielleicht aber haben wir uns auch
schon während unseres Aufenthaltes an die Gegebenheiten des Landes gewöhnt.
Wir fahren weiter nach Gokharna zum Mahadev - Heiligtum. Dieser fünfstöckige Tempel wurde in einer Biegung des Bagmati Flusses errichtet. Flußbiegungen und Zusammenflüsse zählen immer als besonderes Heiligtum, deshalb haben Heiligtü-mer wie Pashupatinath, Panauti und Gokharna eine sehr große Bedeutung für die Hindus. Natürlich gibt es gerade an diesen Stellen die Gaths, die Verbrennungsstät-ten, auch wenn sie nicht eine so große Bedeutung haben wie das weiter flußabwärts gelegene Pahupatinath. Eine ganze Reihe von restaurierten Standbildern umgibt das Heiligtum, doch größtenteils sind sie auch hier eingemauert, um einen Kunstraub zu verhindern. Nach der ausgiebigen Besichtigung der Anlage wandern wir berg-aufwärts zum Kloster Koban. Während der Wanderung genießen wir einen herrlichen Blick auf das Kathmandutal, auf die Felder, auf die das Tal einschließenden Berge bis wir schließlich die buddhistische Begegnungsstätte erreichen. Dieses Kloster wird vom Gelbmützen-Orden bewohnt, die diesen Ort zu mehr als einem normalem Klo-ster ausgebaut haben, denn hier finden zum Beispiel auch Meditationskurse statt, die die westlichen und die östlichen Menschen einander näherbringen, das gegenseitige Verstehen aktivieren soll.
Nach
einer kurzen Verschnaufpause und einem Rundgang geht es bergabwärts nach Bodnath.
Hier steht der größte Stupa Nepals, für lange Zeit war es der größte Stupa unserer
Erde. Doch bis wir dieses imposante Bauwerk erreichen, liegt ein langer Weg
vor uns, der uns durch Tibetersiedlungen führt, durch reichere, aber auch durch
sehr sehr arme Stadtteile. Am Stupa angelangt, erlebten wir hier den Sonnenuntergang
während hunderte Menschen das Bauwerk im Uhrzei-gersinn umrundeten, unzählige
But
terlämpchen
angezündet wurden und wir natürlich das Bauwerk besichtigten, angefangen bei
den überdimensionalen Gebetsmühlen, die etwa drei Meter hoch sind und weiter
über die Treppen besteigen wir die manda-laförmigen Erhebungen direkt unterhalb
der Kuppel. Wir genießen die Umgebung, nehmen die Eindrücke in uns auf, wandern
dann zurück zum Bus, der uns wieder in unser Hotel bringt.
