Mittwoch, 20.10.1999 Kathmandu / Changu Narayan

Viel Hoffnung hatten wir in diesen Tag gesetzt, Hoffnung, daß zumindest am Morgen die Berge zu sehen sind von unserem Hotel, dem "Club Himalaya", das in über 2000 m Höhe liegt und berühmt für seinen Blick aufGaruda Statue in Changu Narayan die Himalayakette ist. Doch daraus wurde nichts, wir erlebten den zweiten kompletten Regentag. Für uns ist es nicht so schön, aber für die Bauern bedeutet es schlichtweg eine Katastrophe, denn der Reis ist reif für die Ernte, teilweise schon gebündelt oder gar geschnitten und liegt zum Trocknen aus. Durch den Regen beginnt dann alles zu faulen, die Verluste werden jeden Tag größer und das Hauptnahrungsmittel des Landes ist schließlich nicht in ausreichender Menge vorhanden... Da der Regen nicht nachläßt, finden sich nur noch fünf Wagemutige zusammen, die die Tour zu Fuß bewältigen wollen, der Rest fährt mit dem Bus bis zu unserem Ziel, Changu Narayan. Die Aussichten auf dem Weg sind trotz des Regens herrlich und der Weg ist weitaus leichter begehbar als gestern. Und dann sehen wir ihn von einer Anhöhe aus vor uns liegen - den Vishnu Tempel, der bereits im fünften Jahrhundert gegründet wurde! Die Tempelanlage liegt auf einem Bergrücken, der sich von Nagarkot aus in das Kathmandutal hineinstreckt, so daß der Tempel fast von jedem Punkt des Tales aus gesehen werden kann, also ähnlich exponiert wie Swayambunath. Außer der mächtigen, zweidachigen Pagode, die den gleichen Typus wie der Staatstempel von Pashupatinath aufweist, ist hier eine Vielzahl von Skulpturen zu bewundern. Dieser außerordentliche Reichtum an diesen steinernen Bildnissen zeigt, daß dieses Heiligtum einst eine große Bedeutung gehabt haben Manadeva-Säule mit der ältesten nepalischen Inschriftmuß. Darunter zählt unter anderem die Manadeva-Säule, die aus dem Jahre 464 stammt und die älteste, in Nepal bekannte, Inschrift trägt. Auch der Garuda, der einst auf dieser Säule thronte und jetzt einige Meter daneben auf einem kleinen Sockel steht, wird auf die gleiche Zeit datiert. Viele der Skulpturen wurden mittlerweile in Nischen eingemauert, zum Schutz vor dem organisierten Kunstraub. Ein Bildnis fällt noch besonders auf, da es nicht fertiggestellt wurde, nie vollendet. Dieses Relief eines Elefanten bewegte sich plötzlich während der Bearbeitung und begann zu bluten. Daraufhin wurden alle weiteren Arbeiten daran eingestellt... Wie auch in den Tempeln zuvor erschlägt uns die Vielzahl der Objekte fast, die kunstvoll geschnitzten Balken des Tempels, die vielen, liebevoll aus Stein geschlagenen Formen und nicht zuletzt das Zusammenspiel all dieser Farben Formen Figuren. Doch wie auch gestern wird der Genuß durch den strömenden Regen etwas verwässert. Also schlendern wir zurück durch die Gassen des Dorfes, vorbei an Häusern, von denen mindestens jedes Zweite eine Holzschnitzerei oder doch zumindest das Geschäft eines Holzschnitzers ist. Der Bus bringt uns dann zurück in das Kathmandutal, zurück an den Anfang, wieder in unser Hotel Dwarika´s, auf das wir uns schon fast sehnsüchtig freuen und auf ein heißes Bad... Wie lange ist es her, daß wir hier waren? Tage? Wochen? Monate? Und wie werden wir reagieren, wenn wir zurück sind, im behüteten, hektischen Europa? Nach all diesen Bildern und Erlebnissen?

Dhulikhel 3
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