Viel Hoffnung hatten wir in diesen
Tag gesetzt, Hoffnung, daß zumindest am Morgen die Berge zu sehen sind von unserem
Hotel, dem "Club Himalaya", das in über 2000 m Höhe liegt und berühmt für seinen
Blick auf
die Himalayakette ist. Doch daraus wurde nichts, wir erlebten den zweiten kompletten
Regentag. Für uns ist es nicht so schön, aber für die Bauern bedeutet es schlichtweg
eine Katastrophe, denn der Reis ist reif für die Ernte, teilweise schon gebündelt
oder gar geschnitten und liegt zum Trocknen aus. Durch den Regen beginnt dann
alles zu faulen, die Verluste werden jeden Tag größer und das Hauptnahrungsmittel
des Landes ist schließlich nicht in ausreichender Menge vorhanden... Da der
Regen nicht nachläßt, finden sich nur noch fünf Wagemutige zusammen, die die
Tour zu Fuß bewältigen wollen, der Rest fährt mit dem Bus bis zu unserem Ziel,
Changu Narayan. Die Aussichten auf dem Weg sind trotz des Regens herrlich und
der Weg ist weitaus leichter begehbar als gestern. Und dann sehen wir ihn von
einer Anhöhe aus vor uns liegen - den Vishnu Tempel, der bereits im fünften
Jahrhundert gegründet wurde! Die Tempelanlage liegt auf einem Bergrücken, der
sich von Nagarkot aus in das Kathmandutal hineinstreckt, so daß der Tempel fast
von jedem Punkt des Tales aus gesehen werden kann, also ähnlich exponiert wie
Swayambunath. Außer der mächtigen, zweidachigen Pagode, die den gleichen Typus
wie der Staatstempel von Pashupatinath aufweist, ist hier eine Vielzahl von
Skulpturen zu bewundern. Dieser außerordentliche Reichtum an diesen steinernen
Bildnissen zeigt, daß dieses Heiligtum einst eine große Bedeutung gehabt haben
muß.
Darunter zählt unter anderem die Manadeva-Säule, die aus dem Jahre 464 stammt
und die älteste, in Nepal bekannte, Inschrift trägt. Auch der Garuda, der einst
auf dieser Säule thronte und jetzt einige Meter daneben auf einem kleinen Sockel
steht, wird auf die gleiche Zeit datiert. Viele der Skulpturen wurden mittlerweile
in Nischen eingemauert, zum Schutz vor dem organisierten Kunstraub. Ein Bildnis
fällt noch besonders auf, da es nicht fertiggestellt wurde, nie vollendet. Dieses
Relief eines Elefanten bewegte sich plötzlich während der Bearbeitung und begann
zu bluten. Daraufhin wurden alle weiteren Arbeiten daran eingestellt... Wie
auch in den Tempeln zuvor erschlägt uns die Vielzahl der Objekte fast, die kunstvoll
geschnitzten Balken des Tempels, die vielen, liebevoll aus Stein geschlagenen
Formen und nicht zuletzt das Zusammenspiel all dieser Farben Formen Figuren.
Doch wie auch gestern wird der Genuß durch den strömenden Regen etwas verwässert.
Also schlendern wir zurück durch die Gassen des Dorfes, vorbei an Häusern, von
denen mindestens jedes Zweite eine Holzschnitzerei oder doch zumindest das Geschäft
eines Holzschnitzers ist. Der Bus bringt uns dann zurück in das Kathmandutal,
zurück an den Anfang, wieder in unser Hotel Dwarika´s, auf das wir uns schon
fast sehnsüchtig freuen und auf ein heißes Bad... Wie lange ist es her, daß
wir hier waren? Tage? Wochen? Monate? Und wie werden wir reagieren, wenn wir
zurück sind, im behüteten, hektischen Europa? Nach all diesen Bildern und Erlebnissen?