Sonntag, 10.10.1999 Kathmandu, Thamel, G´s Terrace

Nach mehr als drei Stunden Fußmarsch durch die Stadt, die Ohren noch voll vom unbändigen Leben, vom Pulsieren dieser Stadt, voll von dem ständigen Hupen und Klingeln, sitzen wir in einem Restaurant und ruhen uns etwas aus, stärken uns für den zweiten Teil des Tages. Unsere Stadtwanderung begann in der Nähe des SUN DHARA, eines der größten Badebrunnen des Kathmandutales, führte uns vorbei am BHIMSEN STAMBHA, einem minarettartigem Turm, der hier aber keine religiöse Funktion, sondern eine Kontrolle der Stadt erlaubte, da dieses neungeschossige Bauwerk aus dem 19. Jahrhun-dert sogar den Königspalast überragt. Wie auch andere Gebäude im Tal, wurde er bei den Erdbeben von 1834 und 1934 zerstört und jedes Mal aufs Neue aufgebaut. Der Weg führte uns auf den nächsten Kilometern durch kleinere Straßen, vorbei an winzig kleinen, dunklen Läden, vor denen auf Tischen geschlachtete Ziegen Hühner Schafe liegen, gerade wird ein riesiges Fleischstück in eine Rikscha geladen, als Unterlage dienen einige alte Zeitungen... Um die schier unbeschreibliche Geruchsmischung zu vervollständigen, gibt es auch Fischstände, die ihre Waren aus einer Fischzucht der Umgebung beziehen. Aber nicht nur Fleisch wird hier gehandelt, auch alle anderen Waren wie Äpfel oder bunte Stoffe locken auf den Theken. Obwohl hier Linksverkehr herrscht, erkennt man das kaum, da die Rikschas, Mopeds, Fahrräder und Autos nurKathmandu, Durbar Square und ständig mit Ausweichmanövern beschäftigt sind vor Fußgängern, Schlaglöchern und anderen Verkehrshindernissen. Das Geruchsgemisch in den Straßen ist manchmal allerdings fast betäubend, da mischen die Düfte der Auslagen mit denen der Abfallhaufen und den Abgasen der Autos sowie einigen unbekannten Elementen... Schließlich gelangen wir in die Freak Street. Dieser Name rührt von den Hippies her, die Ende der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre hier lebten, wohnten, sich aufhielten, jedenfalls kifften, da bis 1972 Mariuhana hier frei verkauft wurde. Zu diesem Zeitpunkt übte der damalige Präsident starken wirtschaftliche Druck auf Nepal aus, damit endlich auch hier das Rauschgift kriminalisiert wird. Dies ist wohl auch heute zumindest offiziell der Fall. Wir müssen nicht weit laufen, schon sind wir auf dem DURBAR SQUARE, dem zentralen Platz am Palast, angelangt. Beeindruckt stehen wir vor diesem gewaltigen Ensemble von Tempeln und Palästen, die sich entlang des Platzes ziehen. Die Bauten, die sich hier, an der Diagonalen der ehemaligen Indien-Tibet-Straße befinden, stammen bis auf zwei Ausnahmen aus dem 16. Jahrhundert und dem Jahre 1908. Eine der Ausnahmen und damit das älteste Gebäude der Stadt ist der Ein Tempel in KathmanduKASTHAMANDAPA, der aus dem 11. Jahrhundert stammt und der auch der Stadt seinen Namen gab - KATHMANDU. Der Name selbst bedeutet wörtlich "Versammlungshalle aus Holz", der ursprüngliche Zweck war wohl ein altertümliches Rathaus. Im Gebäude selbst befinden sich Balken, die aus dem Baujahr stammen sollen, und natürlich einem zentralen Heiligtum sowie vier GANESHA-Schreinen, die jeweils in einer der Ecken angeordnet sind. Im Gegensatz zu den großen Staatstempeln, die meistens jegliche religiöse Bedeutung für die Bevölkerung verloren haben, erfreuen sich diese kleinen Heiligtümer einer konstanten Beliebtheit. Sehr oft hörten wir während unseres kurzen Aufenthaltes im Kasthamandapa eine der Glocken, die sich neben den Schreinen befinden und die nach einem Gebet, nach einer Opferung oder nur nach einem Besuch des Heiligtums geläutet werden. Immer wieder tritt jemand an die Statue, berührt sie, legt einige Reiskörner oder ähnliches davor ab, läutet die Glocke, geht weiter. Ganesh, der Sohn von Shiva, ist eine der beliebtesten Gottheiten im nepalesischen Hinduismus. Diese Götter sind von dem strikten christlichen Glauben weit entfernt, Ganesh - der Elefantenköpfige Gottsie sind menschlicher, auch mit Fehlern behaftet... Hier ist er als glücklicher Ganesh dargestellt, mit dem Elefantenrüssel auf der linken Seite, der des Herzens, einem wohlgenährtem Bauch und einem fehlenden rechten Stoßzahn. Letzteren brach er sich ab, als er einen Liebesbrief schreiben wollte, aber kein Werkzeug dafür fand... Bevor es weitergeht, vorbei an vielen Tempeln, die von Sadhu´s bevölkert sind, werfen wir noch einen Blick auf den NAVA DURGA TEMPEL, Bhairawa Bildnisaus dessen oberstem Fenster SHIVA und PARVATI herausschauen, dann geht es weiter zum Palast der lebenden Göttin Kumari. Die Kumari ist ein Mädchen, das im Alter von vier bis fünf Jahren von Priestern zu diesem Amt auserkoren wird und es ausübt bis sie das erste Mal Blut verliert, sei es durch eine Verletzung oder das Einsetzen der Menstruation. Während ihrer "Dienstzeit" lebt sie in ihrem Haus, das sie nur einmal im Jahr zu einer Prozession verläßt. Uns zeigte sie sich für wenige Augenblicke am Fenster, dabei durfte jedoch weder gefilmt noch fotografiert werden. Das Fenster, aus dem sie schaute, besteht im Gegensatz zu den übrigen mit prächtigen Newar-Schnitzereien verzierten Holzfenstern, aus vergoldetem Kupfer. Mittlerweile hat sich der gerade noch menschenleere Innenhof gefüllt, wir trinken noch eine Cola bevor wir uns in das Gewimmel Kathmandus stürzen. Am Rande des Platzes liegt eine Kuh, noch atmend, umringt von einer Unmenge von Tauben. Da die Kuh als heiliges Tier gilt, auf deren Tötung eine gesetzliche Strafe von 12 Jahren Gefängnis steht, kümmert sich auch niemand um dieses Tier. Vorbei geht es an der Pratapa Malla Säule entlang des Palastes, bis wir vor dem Kala Bhairava stehen, einem Schrein, der der schrecklichen Inkarnation von Shiva, Bhairava, dem "Schwarzen Schrecklichen" geweiht ist. Früher befand sich das Gerichtsgebäude in der unmittelbare Nähe der Statue und diente zur Entlarvung von Lügnern. Wir verlassen den Palastbereich, laufen die Basarstraße, die ein Teil des alten Handelsweges ist, entlang, drängeln uns durch unbeschreibliches Gewimmel von hupenden Motorrädern, klingelnden Rikschas, drängelnden Menschen, vorbei an bunten Läden bis wir den Hof JANA BAHAL erreichen. Inmitten diese Hofes steht eines der wichtigen buddhistischen Heiligtümer des Kathmandutales - der MATSYENDRANATHA - Tempel. Errichtet wurde der Tempel während der Mallaherrschaft im 15. Jahrhundert, jedoch wurde er später des öfteren erneuert. Von den vergoldeten Dächern des Tempels hängen ebenso vergoldete Banner herunter, um das Gebäude herum steht eine Vielzahl von Säulen und kleinen Schreinen. Wieder einmal vermuten wir uns eher in einem Märchen gefangen als in der realen Welt, da viele der Eindrücke neu sind, vieles nicht linear erklärbar, aber dennoch, oder vielleicht gerade deshalb unwahrscheinlich faszinierend. Hinter dem Tempel werden auf der Erde gerade Steppdecken zusammengenäht, ein Stück daneben wird gerade die Füllung dafür vorbereitet: das Innere der Frucht des Kapokbaumes ist eine Art Beim Auflockern der Kapok-Wolleharter Wolle, die mittels eines Instrumentes, das fast wie ein Musikinstrument aussieht, gelockert - die Sehne schnellt wieder und wieder in die Fasern herein, reißt kleine Teile hoch, die sich nun federleicht wieder senken. Durch einen kleinen Durchgang gelangen wir auf einen Töpfermarkt, den wir in nördlicher Richtung verlassen, in Richtung Thamel. Doch noch vor unserem Mittagessen erreichen wir einen anderen Hof mit einem Stupa und einem Tempel. Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, um welchen Ort es sich handelte, zu viele Heiligtümer überfluteten uns an diesem zweiten Tag, zu viele fremd klingende Namen. Wahrscheinlich handelt es sich um den KATHESIMBHU, der als stellvertretendes Heiligtum für den SWAYAMBHUNATH zählt. Der Stupa selbst ruht auf einem doppelten Sockel in Form eines Mandalas und besitzt auf der Oberseite einen Ehrenschirm, der auf einem Turm aus dreizehn Ringen sitzt. Hier sehen wir zum ersten Mal die alles-sehenden Augen Buddhas, die auf die vier Seiten des Bauwerkes gemalt sind. Umgeben ist der Stupa von einer Vielzahl von Schreinen und kleinen Stupas sowie einer Pagode und hier treffen wir auch wieder auf Sadhus. Nun ist es nur ein kurzes Stück bis wir Thamel erreichen, den eher touristischen, moderneren Stadtteil. War der Palastbereich wieder restauriert, die Basarstraße verfallen, so sehen wir hier Reklamen von Trekkingagenturen, in den Geschäften sehen wir alle bekannten Marken von Rucksäcken und Bergstiefeln, dann wieder Werbung für Raftingtouren und viele Hotels oder Herbergen. Nach dem Mittagessen fuhren wir mit dem Bus auf die Ringroad, die uns in Richtung SWAYAMBUNATH STUPA brachte. Noch aus dem Bus sehen wir die Umgrenzung des Geländes, in die Mauern eingelassene Gebetsmühlen in einer nicht zu enden scheinenden Aufreihung. Diese Gebetsmühlen werden von den Der Stupa von SwayambunathGläubigen immer wieder in Rotation versetzt, natürlich im Uhrzeigersinn. Dann hält der Bus am Fuß des Hügels, der Aufgang zum Heiligtum wird von zwei gelben Buddhas flankiert, dazwischen beginnt unser steiler Aufstieg zum Stupa, der in einer fast unvergleichlichen Position das Tal überschaut. Schon sehen wir das leuchtende Weiß der Kuppel immer näher kommen, immer stärker schwitzen wir unter der sengenden Sonne Kathmandus, doch dann haben wir es geschafft - wir haben die Plattform erreicht, vor uns der Stupa und links vor uns Kathmandu! Von hier genießen wir zum ersten Mal diesen Blick über die Stadt, eingesäumt von hohen Bergen, hinter denen noch höhere weiß gekrönt durch die Wolken schimmern. Jetzt hinter uns, erhebt sich der fünfzehn Meter hohe Stupa weiß gegen den postkarten-blauen Himmel, beschützt durch die fünf transzendenten Buddhas und ihre Shaktis, ihre Gefährtinnen. Die Buddhafiguren haben unterschiedliche Farben und sind durch mehrere Gitter und Kettenvorhänge geschützt, da sie mittlerweile eine begehrte Antiquität sind und der organisierte Kunstraub in Nepal bereits überhand genommen hat. Die Kuppel selbst wird jedes Jahr aufs Neue geweißt und anschließend in großen Schwüngen mit Gelbwurz-Wasser begossen. Die dadurch entstehenden Bögen ergeben ein stilisiertes Lotusblatt. Die heutige Form des buddhistischen Heiligtums stammt aus dem 14. Jahrhundert, das Entstehungsdatum wird auf das 6. - 7. Jahrhundert geschätzt, durch die mehrmaligen Restaurierungen wurde jedoch das ursprüngliche Aussehen verändert. Jetzt erhebt sich über der Kuppel ein Turmaufsatz mit den alles-sehenden Augen Buddhas, die uns in den nächsten Tagen noch des Öfteren begegnen werden. Darüber erhebt sich ein Turmaufsatz aus 13 Scheiben, die die 13 verschiedenen Himmel symbolisieren sollen, gekrönt wird das Ganze durch einen Ehrenschirm. Interessant ist, daß die Wiederaufbauarbeiten nicht nur durch Tibet unterstützt wurden, sondern auch durch hinduistische Könige. Allerdings herrschte bereits im 17. Jahrhundert ein solcher Mangel an buddhistischen Priestern, die die Arbeiten überwachen konnten, daß schon damals ein Lama eigens aus Tibet geholt werden mußte, um die kultische Richtigkeit der Baumaßnahmen zu gewährleisten. Wir umrunden den Stupa im Uhrzeigersinn, lassen den Treppenaufgang mit dem riesigen Donnerkeil, auf dessen Sockel die tibetischen Tierkreiszeichen abgebildet sind, hinter uns. Dem tibetischem Brauch entsprechend ist das Bauwerk von einer Galerie Gebetsmühlen umgeben, die von Gläubigern in Bewegung versetzt werden und durch ihre Drehung das Gebet OM MANI PADME HUM (OM! O JUWEL IM LOTUS! HUM!) tausendfach vervielfälti-gen. Überall auf dem Plateau stehen natürlich Händler, die Postkarten oder Holz-schnitzereien anbieten. Wir laufen ein Stück weiter und gelangen an den Hariti-Schrein. Dieses Heiligtum wird von Buddhisten und Hindus gleichermaßen hoch verehrt und ist das zweitwichtigste Heiligtum auf dem Plateau. Diese zweidachige, fast komplett mit vergoldetem Kupfer gedeckte Pagode stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, da das alte Bauwerk zerstört wurde. In diesem Bereich des Plateaus befinden sich sehr viele Votiv - Stupas, durch die man sich hindurchschlängeln muß und schließlich auch eine Treppe, die uns auf der anderen Seite des Berges nach unten führt. Während des Abstieges beobachten wir eine Affenfamilie, die sich aus den geopferten Gaben das Eßbare heraussuchen und alles großzügig auf einem Treppenabsatz verteilen, uns schließlich nur argwöhnisch beobachten... Weiter unten wartet bereits der Bus auf uns, für heute scheint es genug an Eindrücken zu sein, für deren Verarbeitung noch lange Zeit benötigen werden...

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