Nach mehr als drei Stunden Fußmarsch
durch die Stadt, die Ohren noch voll vom unbändigen Leben, vom Pulsieren dieser
Stadt, voll von dem ständigen Hupen und Klingeln, sitzen wir in einem Restaurant
und ruhen uns etwas aus, stärken uns für den zweiten Teil des Tages. Unsere
Stadtwanderung begann in der Nähe des SUN DHARA, eines der größten Badebrunnen
des Kathmandutales, führte uns vorbei am BHIMSEN STAMBHA,
einem
minarettartigem Turm, der hier aber keine religiöse Funktion, sondern eine Kontrolle
der Stadt erlaubte, da dieses neungeschossige Bauwerk aus dem 19. Jahrhun-dert
sogar den Königspalast überragt. Wie auch andere Gebäude im Tal, wurde er bei
den Erdbeben von 1834 und 1934 zerstört und jedes Mal aufs Neue aufgebaut. Der
Weg führte uns auf den nächsten Kilometern durch kleinere Straßen, vorbei an
winzig kleinen, dunklen Läden, vor denen auf Tischen geschlachtete Ziegen Hühner
Schafe liegen, gerade wird ein riesiges Fleischstück in eine Rikscha geladen,
als Unterlage dienen einige alte Zeitungen... Um die schier unbeschreibliche
Geruchsmischung zu vervollständigen, gibt es auch Fischstände, die ihre Waren
aus einer Fischzucht der Umgebung beziehen. Aber nicht nur Fleisch wird hier
gehandelt, auch alle anderen Waren wie Äpfel oder bunte Stoffe locken auf den
Theken. Obwohl hier Linksverkehr herrscht, erkennt man das kaum, da die Rikschas,
Mopeds, Fahrräder und Autos nur
und ständig mit Ausweichmanövern beschäftigt sind vor Fußgängern, Schlaglöchern
und anderen Verkehrshindernissen. Das Geruchsgemisch in den Straßen ist manchmal
allerdings fast betäubend, da mischen die Düfte der Auslagen mit denen der Abfallhaufen
und den Abgasen der Autos sowie einigen unbekannten Elementen... Schließlich
gelangen wir in die Freak Street. Dieser Name rührt von den Hippies her, die
Ende der sechziger bis Anfang der siebziger Jahre hier lebten, wohnten, sich
aufhielten, jedenfalls kifften, da bis 1972 Mariuhana hier frei verkauft wurde.
Zu diesem Zeitpunkt übte der damalige Präsident starken wirtschaftliche Druck
auf Nepal aus, damit endlich auch hier das Rauschgift kriminalisiert wird. Dies
ist wohl auch heute zumindest offiziell der Fall. Wir müssen nicht weit laufen,
schon sind wir auf dem DURBAR SQUARE, dem zentralen Platz am Palast, angelangt.
Beeindruckt stehen wir vor diesem gewaltigen Ensemble von Tempeln und Palästen,
die sich entlang des Platzes ziehen. Die Bauten, die sich hier, an der Diagonalen
der ehemaligen Indien-Tibet-Straße befinden, stammen bis auf zwei Ausnahmen
aus dem 16. Jahrhundert und dem Jahre 1908. Eine der Ausnahmen und damit das
älteste Gebäude der Stadt ist der
KASTHAMANDAPA,
der aus dem 11. Jahrhundert stammt und der auch der Stadt seinen Namen gab -
KATHMANDU. Der Name selbst bedeutet wörtlich "Versammlungshalle aus Holz", der
ursprüngliche Zweck war wohl ein altertümliches Rathaus. Im Gebäude selbst befinden
sich Balken, die aus dem Baujahr stammen sollen, und natürlich einem zentralen
Heiligtum sowie vier GANESHA-Schreinen, die jeweils in einer der Ecken angeordnet
sind. Im Gegensatz zu den großen Staatstempeln, die meistens jegliche religiöse
Bedeutung für die Bevölkerung verloren haben, erfreuen sich diese kleinen Heiligtümer
einer konstanten Beliebtheit. Sehr oft hörten wir während unseres kurzen Aufenthaltes
im Kasthamandapa eine der Glocken, die sich neben den Schreinen befinden und
die nach einem Gebet, nach einer Opferung oder nur nach einem Besuch des Heiligtums
geläutet werden. Immer wieder tritt jemand an die Statue, berührt sie, legt
einige Reiskörner oder ähnliches davor ab, läutet die Glocke, geht weiter. Ganesh,
der Sohn von Shiva, ist eine der beliebtesten Gottheiten im nepalesischen Hinduismus.
Diese Götter sind von dem strikten christlichen Glauben weit entfernt,
sie
sind menschlicher, auch mit Fehlern behaftet... Hier ist er als glücklicher
Ganesh dargestellt, mit dem Elefantenrüssel auf der linken Seite, der des Herzens,
einem wohlgenährtem Bauch und einem fehlenden rechten Stoßzahn. Letzteren brach
er sich ab, als er einen Liebesbrief schreiben wollte, aber kein Werkzeug dafür
fand... Bevor es weitergeht, vorbei an vielen Tempeln, die von Sadhu´s bevölkert
sind, werfen wir noch einen Blick auf den NAVA DURGA TEMPEL,
aus
dessen oberstem Fenster SHIVA und PARVATI herausschauen, dann geht es weiter
zum Palast der lebenden Göttin Kumari. Die Kumari ist ein Mädchen, das im Alter
von vier bis fünf Jahren von Priestern zu diesem Amt auserkoren wird und es
ausübt bis sie das erste Mal Blut verliert, sei es durch eine Verletzung oder
das Einsetzen der Menstruation. Während ihrer "Dienstzeit" lebt sie in ihrem
Haus, das sie nur einmal im Jahr zu einer Prozession verläßt. Uns zeigte sie
sich für wenige Augenblicke am Fenster, dabei durfte jedoch weder gefilmt noch
fotografiert werden. Das Fenster, aus dem sie schaute, besteht im Gegensatz
zu den übrigen mit prächtigen Newar-Schnitzereien verzierten Holzfenstern, aus
vergoldetem Kupfer. Mittlerweile hat sich der gerade noch menschenleere Innenhof
gefüllt, wir trinken noch eine Cola bevor wir uns in das Gewimmel Kathmandus
stürzen. Am Rande des Platzes liegt eine Kuh, noch atmend, umringt von einer
Unmenge von Tauben. Da die Kuh als heiliges Tier gilt, auf deren Tötung eine
gesetzliche Strafe von 12 Jahren Gefängnis steht, kümmert sich auch niemand
um dieses Tier. Vorbei geht es an der Pratapa Malla Säule entlang des Palastes,
bis wir vor dem Kala Bhairava stehen, einem Schrein, der der schrecklichen Inkarnation
von Shiva, Bhairava, dem "Schwarzen Schrecklichen" geweiht ist. Früher befand
sich das Gerichtsgebäude in der unmittelbare Nähe der Statue und diente zur
Entlarvung von Lügnern. Wir verlassen den Palastbereich, laufen die Basarstraße,
die ein Teil des alten Handelsweges ist, entlang, drängeln uns durch unbeschreibliches
Gewimmel von hupenden Motorrädern, klingelnden Rikschas, drängelnden Menschen,
vorbei an bunten Läden bis wir den Hof JANA BAHAL erreichen. Inmitten diese
Hofes steht eines der wichtigen buddhistischen Heiligtümer des Kathmandutales
- der MATSYENDRANATHA - Tempel. Errichtet wurde der Tempel während der Mallaherrschaft
im 15. Jahrhundert, jedoch wurde er später des öfteren erneuert. Von den vergoldeten
Dächern des Tempels hängen ebenso vergoldete Banner herunter, um das Gebäude
herum steht eine Vielzahl von Säulen und kleinen Schreinen. Wieder einmal vermuten
wir uns eher in einem Märchen gefangen als in der realen Welt, da viele der
Eindrücke neu sind, vieles nicht linear erklärbar, aber dennoch, oder vielleicht
gerade deshalb unwahrscheinlich faszinierend. Hinter dem Tempel werden auf der
Erde gerade Steppdecken zusammengenäht, ein Stück daneben wird gerade die Füllung
dafür vorbereitet: das Innere der Frucht des Kapokbaumes ist eine Art
harter
Wolle, die mittels eines Instrumentes, das fast wie ein Musikinstrument aussieht,
gelockert - die Sehne schnellt wieder und wieder in die Fasern herein, reißt
kleine Teile hoch, die sich nun federleicht wieder senken. Durch einen kleinen
Durchgang gelangen wir auf einen Töpfermarkt, den wir in nördlicher Richtung
verlassen, in Richtung Thamel. Doch noch vor unserem Mittagessen erreichen wir
einen anderen Hof mit einem Stupa und einem Tempel. Im Nachhinein bin ich mir
nicht mehr sicher, um welchen Ort es sich handelte, zu viele Heiligtümer überfluteten
uns an diesem zweiten Tag, zu viele fremd klingende Namen. Wahrscheinlich handelt
es sich um den KATHESIMBHU, der als stellvertretendes Heiligtum für den SWAYAMBHUNATH
zählt. Der Stupa selbst ruht auf einem doppelten Sockel in Form eines Mandalas
und besitzt auf der Oberseite einen Ehrenschirm, der auf einem Turm aus dreizehn
Ringen sitzt. Hier sehen wir zum ersten Mal die alles-sehenden Augen Buddhas,
die auf die vier Seiten des Bauwerkes gemalt sind. Umgeben ist der Stupa von
einer Vielzahl von Schreinen und kleinen Stupas sowie einer Pagode und hier
treffen wir auch wieder auf Sadhus. Nun ist es nur ein kurzes Stück bis wir
Thamel erreichen, den eher touristischen, moderneren Stadtteil. War der Palastbereich
wieder restauriert, die Basarstraße verfallen, so sehen wir hier Reklamen von
Trekkingagenturen, in den Geschäften sehen wir alle bekannten Marken von Rucksäcken
und Bergstiefeln, dann wieder Werbung für Raftingtouren und viele Hotels oder
Herbergen. Nach dem Mittagessen fuhren wir mit dem Bus auf die Ringroad, die
uns in Richtung SWAYAMBUNATH STUPA brachte. Noch aus dem Bus sehen wir die Umgrenzung
des Geländes, in die Mauern eingelassene Gebetsmühlen in einer nicht zu enden
scheinenden Aufreihung. Diese Gebetsmühlen werden von den
Gläubigen
immer wieder in Rotation versetzt, natürlich im Uhrzeigersinn. Dann hält der
Bus am Fuß des Hügels, der Aufgang zum Heiligtum wird von zwei gelben Buddhas
flankiert, dazwischen beginnt unser steiler Aufstieg zum Stupa, der in einer
fast unvergleichlichen Position das Tal überschaut. Schon sehen wir das leuchtende
Weiß der Kuppel immer näher kommen, immer stärker schwitzen wir unter der sengenden
Sonne Kathmandus, doch dann haben wir es geschafft - wir haben die Plattform
erreicht, vor uns der Stupa und links vor uns Kathmandu! Von hier genießen wir
zum ersten Mal diesen Blick über die Stadt, eingesäumt von hohen Bergen, hinter
denen noch höhere weiß gekrönt durch die Wolken schimmern. Jetzt hinter uns,
erhebt sich der fünfzehn Meter hohe Stupa weiß gegen den postkarten-blauen Himmel,
beschützt durch die fünf transzendenten Buddhas und ihre Shaktis, ihre Gefährtinnen.
Die Buddhafiguren haben unterschiedliche Farben und sind durch mehrere Gitter
und Kettenvorhänge geschützt, da sie mittlerweile eine begehrte Antiquität sind
und der organisierte Kunstraub in Nepal bereits überhand genommen hat. Die Kuppel
selbst wird jedes Jahr aufs Neue geweißt und anschließend in großen Schwüngen
mit Gelbwurz-Wasser begossen. Die dadurch entstehenden Bögen ergeben ein stilisiertes
Lotusblatt. Die heutige Form des buddhistischen Heiligtums stammt aus dem 14.
Jahrhundert, das Entstehungsdatum wird auf das 6. - 7. Jahrhundert geschätzt,
durch die mehrmaligen Restaurierungen wurde jedoch das ursprüngliche Aussehen
verändert. Jetzt erhebt sich über der Kuppel ein Turmaufsatz mit den alles-sehenden
Augen Buddhas, die uns in den nächsten Tagen noch des Öfteren begegnen werd
en.
Darüber erhebt sich ein Turmaufsatz aus 13 Scheiben, die die 13 verschiedenen
Himmel symbolisieren sollen, gekrönt wird das Ganze durch einen Ehrenschirm.
Interessant ist, daß die Wiederaufbauarbeiten nicht nur durch Tibet unterstützt
wurden, sondern auch durch hinduistische Könige. Allerdings herrschte bereits
im 17. Jahrhundert ein solcher Mangel an buddhistischen Priestern, die die Arbeiten
überwachen konnten, daß schon damals ein Lama eigens aus Tibet geholt werden
mußte, um die kultische Richtigkeit der Baumaßnahmen zu gewährleisten. Wir umrunden
den Stupa im Uhrzeigersinn, lassen den Treppenaufgang mit dem riesigen Donnerkeil,
auf dessen Sockel die tibetischen Tierkreiszeichen abgebildet sind, hinter uns.
Dem tibetischem Brauch entsprechend ist das Bauwerk von einer Galerie Gebetsmühlen
umgeben, die von Gläubigern in Bewegung versetzt werden und durch ihre Drehung
das Gebet OM MANI PADME HUM (OM! O JUWEL IM LOTUS! HUM!) tausendfach vervielfälti-gen.
Überall auf dem Plateau stehen natürlich Händler, die Postkarten oder Holz-schnitzereien
anbieten. Wir laufen ein Stück weiter und gelangen an den Hariti-Schrein. Dieses
Heiligtum wird von Buddhisten und Hindus gleichermaßen hoch verehrt und ist
das zweitwichtigste Heiligtum auf dem Plateau. Diese zweidachige, fast komplett
mit vergoldetem Kupfer gedeckte Pagode stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert,
da das alte Bauwerk zerstört wurde. In diesem Bereich des Plateaus befinden
sich sehr viele Votiv - Stupas, durch die man sich hindurchschlängeln muß und
schließlich auch eine Treppe, die uns auf der anderen Seite des Berges nach
unten führt. Während des Abstieges beobachten wir eine Affenfamilie, die sich
aus den geopferten Gaben das Eßbare heraussuchen und alles großzügig auf einem
Treppenabsatz verteilen, uns schließlich nur argwöhnisch beobachten... Weiter
unten wartet bereits der Bus auf uns, für heute scheint es genug an Eindrücken
zu sein, für deren Verarbeitung noch lange Zeit benötigen werden...