Montag, 18.10.1999 Dhulikhel

Unsere heutige Wanderung beschränkte sich auf die Umgebung des Hotels und der Stadt, doch bis wir diese erreichen, laufen wir durch ein Tamang-Dorf. Dieser Stamm ist größtenteils buddhistisch, dabei beten sie aber immer noch ihre Naturgottheiten an, die Toten werden jedoch der buddhistischen Tradition gemäß verbrannt. Wir wandern auf einem schmalen Weg an den Häusern vorbei, die an einem Hang gebaut sind, so nah laufen wir daran vorbei, daß es scheint, daß wir Hof und Küche durchqueren. Der Schamane sitzt erst vor einer Hütte, begibt sich in das Innere, hantiert mit Räucherstäbchen und Farben und anderen Ingredienzen, murmelt etwas vor sich hin. Nach den Häusern gelangen wir zu dem Dorfheiligtum, das etwas entfernt, in einem kleinen Tal gelegen ist, am Hang darüber befindet sich der Verbrennungsplatz. Den ganzen Weg entlang bis hierher und weiter bis in das nächste Dorf werden wir von einer Schar Kinder begleitet, herumtobend, bettelnd und kichernd. Wir schlagen einen großen Bogen und gelangen durch frisch angelegte Terrassenfelder wieder in die Nähe von Dhulikhel. Kurz bevor wir die Stadt erreichen, biegen wir ab, besteigen einen größeren Hügel (oder war es ein kleinerer Berg?), auf dem sich ein Kali-Tempel befindet, vor dem betende Männer sitzen, still zuschauende Frauen, in Schalen aus Blättern, den typischen Opferschalen, befinden sich einige Krümel Reis, Farbe, Blut und Räucherstäbchen verbreiten ihren Duft. Wir erholen uns am Rande des Tempels vom Aufstieg und sehen wie unter uns, auf einem Opferplatz, ein kopfloser Büffel gerade weggetragen wird, überall sind die Zeichen des Blutes zu sehen, auf dem Platz, in Kreisen verteilt und beim Abstieg auf jeder Treppenstufe bis in den Ort hinein... Doch auch in Dhulikhel, hier etwas anders, hier wurden die Maschinen mit Blut bespritzt. Das bringt Glück und vor allem weniger Ausfälle, weniger Schäden im nächsten Jahr. Und so bietet sich ein für uns Europäer eher befremdlicher Anblick: vor den Autos oder Motorrädern ausgebreitet das Werkzeug inklusive Wagenheber, daneben die Opferschalen, duftende Räucherstäbchen und überall die Spuren vom Blut. Die Steigerung war dann die Zapfsäule einer Tankstelle, die über und über mit Blut befleckt war. Wieder einmal laufen wir staunend durch die engen Straßen, deren Häuser wieder reiche Holzverzierungen tragen, teilweise werden diese Fenster auf ein Alter von zweihundert Jahren und mehr geschätzt! Glücklicherweise hat sich langsam die Einstellung der Nepalis geändert, das historische Interesse (ist das das richtige Wort?) ist erwacht, bei der Restauration von Häusern werden die alten Fenster nicht mehr weggeworfen, sondern bleiben erhalten, um so auch der Nachwelt von ihrer Kunstfertigkeit zu berichten. Im Zentrum des Städtchens öffnet sich die Straße, um dem Tempel der Harasiddhi Platz zu schaffen, von dort aus geht es leicht bergan und westlich bis zum Tempel der Dhurga / Bhagwati. Am äußeren Tor des Tempels befindet sich eine sehr schöne und farbenfrohe Darstellung der Dhurga, im Tempelhof selbst einige Statuen, darunter ein Lingam, in der Yoni stehend, mit vier Gesichtern, die jeweils in eine Himmelsrichtung blicken. Auf den Skulpturen liegen Opfergaben verstreut, die sich jetzt einige Ziegen munden lassen... Die dreistöckige Pagode selbst stammt aus dem siebzehnten Jahrhundert. Wir lassen die Umgebung etwas auf uns einwirken, wandern zurück in die Stadt, kaufen in einer Apotheke vorbeugend noch etwas Antibiotika und suchen uns dann zu viert ein Restaurant, durchwandern die Stadt ein weiters Mal und bereiten uns langsam auf unsere morgige Wanderung vor.

Dhulikhel
NEPAL - Übersicht
Dhulikhel 3