Busfahren
war unsere heutige Hauptbeschäftigung, denn für die Strecke von 180 Kilometern
benötigten wir neun(!) Stunden, allerdings mit Mittags- und Teepause. Aus dem
Terai heraus ging es bis Mugling auf der gleiche Strecke, die wir auch auf der
Hinfahrt benutzten, dann fuhren wir auf dem Prithvi Highway nach Kathmandu und
weiter vorbei an Bakthapur bis Dulikhel. Heute, am Samstag, dem freien Tag der
Nepalis, der gleichzeitig der Auftakt zum Durgha-Fest ist, sind die Busse, die
uns entgegenkommen, voll besetzt. Menschen sitzen auf den Dächern der Busse
neben Ziegen und Lastpaketen, da im Innenraum kaum noch Platz zum Atmen, geschweige
denn zum Bewegen bleibt. An der Straße, die sich entlang des Trisuli Rivers
schlän-gelt, sind kleine Ansammlungen von Häusern, meist sind es nur vier bis
fünf, mit Stroh oder Wellblech gedeckt, unter den Lehmöfen lodert das Feuer
und die Häuser bieten Platzverhältnisse an, die für uns unvorstellbar sind.
Das fließende Wasser be-findet sich zumindest auf der anderen Straßenseite,
wo ein kleiner Gebirgsbach her-unterstürzt, gebändigt durch ein Rohr, von elektrischen
Strom ist gar keine Rede, am Hang unter dem Haus vielleicht noch ein Stückchen
Feld... Die Berge des Mahabha-rat werden dem Augenschein nach bis oben hin bestellt,
wir sehen Felder in Höhen von über 2000 m, und bis 4000m soll der Anbau möglich
sein! Die Zeit, sie fließt hier, in diesem Land, anders dahin. Nein, vielmehr
sind wir es, die sich von dem Fluß Zeit verabschiedet haben, an Land gegangen
um neues aufzunehmen, steht jetzt die Zeit fast still, ein Erlebnis, ein Eindruck
nach dem anderen fängt uns ein, überrascht uns mit seiner Fremdartigkeit und
Neuheit, gibt Denkanstöße...
In diesem Jahr dauerte der Monsun
länger als in den letzten Jahren, Anfang Oktober fielen noch einige Niederschläge.
Die Erde ist überall in den Bergen noch feucht, gespeichert von den Wäldern,
alles strahlt in einem saftigen, gesunden grün. Von die-ser Feuchtigkeit ernähren
sich die Wolken, die uns jeden Tags aufs Neue am Hori-zont begleiten. Heute
lassen wir diese weißen Gebilde weit neben uns liegen, wir fahren auf kleinen,
schmalen Straßen auf endlos scheinenden Serpentinen, winden uns immer höher,
die Ausweichmanöver bei entgegenkommenden Fahrzeugen lau-fen meist ziemlich
lautstark ab, denn einer muß meistens ein ganzes Stück rückwärts fahren, so
eng sind die Straßen, vor jeder Kurve gibt es ein wahres Crescendo von Huptönen,
bis wir die letzte Biegung hinter uns gelassen haben und Palanchowk er
reicht
haben. Dieses kleine verträumte Dorf besitzt einen Kali-Tempel, den wir aller-dings
nicht betreten dürfen. Seit gestern ist das Durgha-Fest in vollem Gange, hat
heute seinen ersten Höhepunkt erreicht, der in einer riesigen Anzahl von Opferungen
besteht. Dieses Fest findet zu Ehren der Göttin Durgha statt, die eine Inkarnation
der Parvathi, der Gefährtin von Shiva ist. Ausgestattet mit den Attributen von
Vishnu und Shiva, dem Diskus und dem Dreizack, war es ihr einst möglich, den
bösen Büffeldä-mon zu besiegen. Zur Erinnerung daran werden heute neben Hähnen
und Ziegen auch Büffel geschlachtet, nachdem sie im Tempel geweiht wurden. Hier,
im Kalitempel, herrscht deshalb ein riesiger Andrang, Tiere werden reihenweise
hineingebracht, gelangen mit bunten Farbklecksen versehen wieder nach draußen,
wo dann ihrem Leben ein jähes Ende bereitet wird. Direkt neben der Treppe, die
zum Tempel führt, stehen einige Schalen, aus Blättern geflochten, die das Blut
der Opfertiere auffan-gen. Ein Hahn hat gerade noch einmal zum Krähen angesetzt,
kurz danach wird auch sein Blut geopfert. Interessant ist, daß nur männliche
Tiere geopfert werden, da die Weiblichen zu kostbar sind... Das Fleisch wird
nicht geopfert, sondern verspeist, was bei den großen Tieren nur Dörfern oder
doch zumindest einer größeren Anzahl von Menschen möglich ist, zum einen von
der finanziellen Situation bedingt, zum an-deren gibt es keine Kühlschränke...
Wir reißen uns von diesem Schauspiel los, das trotzdem einen festl
ichen
Charakter hat, laufen durch die Menschenmenge, vorbei an Händlern, die gelbe
und ockerfarbene Blumen anbieten, laufen die Dorfstraße ent-lang, bestaunen
die kunstvoll gearbeiteten Fenster, die farbenfroh in blau und grün zu beiden
Seiten der Straße die Häuser verzieren und sehen dann einen Kopf auf der Straße
liegen. Der dazugehörige Körper des Büffels ist von einer Schicht Blättern und
Ästen bedeckt, ein Mann versucht ein kleines Feuer in Gang zu bringen, um dem
Tier die Haare abzubrennen. Wir wandern weiter, aus dem Dorf hinaus, sehen Auf-klärungsgemälde
an einer Hauswand, laufen durch Reisterrassen an einem Süd-hang, wo die Hitze
festzukleben scheint und treffen auf ein kleines Tamang-Dorf, dessen Bewohner
sich gerade lautstark "unterhalten". Da inmitten der Leute, auf Blättern ausgebreitet,
die Einzelteile eines Büffels liegen, ist uns der Gegenstand der Diskussion
klar, auch wenn wir die Sprache nicht verstehen - man streitet sich um die Verteilung
der Portionen... Da sich die Normalverpflegung der Nepalis aus Reis und Linsen
zusammensetzt (Dhaal Baat), ist die schwere Kost ungewohnt für die Er-wachsenen
und natürlich erst recht für die Kinder, so viel Fleisch gibt es sonst nicht!
Also benötigen die Kinder mehr Bewegung, und da die Festlichkeiten in vollem
Gan-ge sind, werden überall riesige Schaukeln aufgebaut, dicke Seile über einen
starken Ast eines Ficusbaumes, oder armdicke Bambusstangen werden an einer Seite
zu-sammengebunden um eine Art Gerüst zu errichten, das eine Schaukel tragen
kann. Die Stimmung ist dementsprechend ausgelassen, die Kinder stehen Schlange
und der Bus muß schon mal einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, damit er die Kinder
nicht beim Spielen behindert. Das Schaukeln dauert den ganzen Tag, bis spät
in die Dämmerung hinein hören wir das Juchzen und Gekicher, selbst bis hier
hoch, in un-ser Hotel, das wieder einmal an einem Berghang liegt. Es ist kurz
vor sechs Uhr und die Dämmerung bricht über uns herein und mit ihr die Kühle.
Der Temperaturunterschied zum Terai ist ganz deutlich, doch selbst im 300 m
niedrigeren Kathmandu ist es etwas wärmer als hier oben. Tagsüber dagegen ist
es auch hier sehr warm, selbst nach der kurzen dreistündigen Wanderung waren
wir durchgeschwitzt... Während wir auf der Terrasse sitzen, ziehen die Bilder
des Tages noch einmal an uns vorbei: ein tief ausgeschnittenes Fl
ußtal,
von teilweise roten Hügeln eingesäumt, schlängelt sich tief unten entlang, unzählige
Blüten am Wegesrand, uns kommen drei Kinder entgegen - ein Mädchen hat sich
einen Strick um die Stirn gelegt, am anderen Ende ist ein großer Plastikkanister
befestigt, auf dem zwei kleinere Kinder sitzen, von der Größeren gezogen werden
und jubeln kichern kreischen, kommen angerannt, Namaste, ein Blick auf das Display
der Camera, weiteres kichern und - goodbye... Es ist halb sieben geworden, Sterne
und Wolken beherrschen den Himmel, auch hier arbeiten die Zikaden und Grillen,
während wir schon ein Sweatshirt übergezogen ha-ben und Tee trinken...