Heute
morgen aufwachen, aus dem Fenster schauen und einen Überraschungsruf ausstoßen
war eins - die Wolken hatten sich verzogen, dem Ausblick auf den Annapurna Himal
stand nichts mehr im Wege! Von der Morgensonne beleuchtet, ragen uns die Gipfel
des Machapuchare und des Annapurna IV fast ins Zimmer hinein, die Spiegelungen
im Begnas See verstärken den Eindruck einer veränderten, neuen Umgebung - traumhaft
schön! Wir sind im Bann der Berge, der Unnahbarkeit, Unerreichbarkeit, kalt
und geheimnisvoll, majestätisch und drohend, lockend. Irgendwo reißt eine Sehnsucht,
um diesen Bergen näher zu kommen, doch wieder weiß ich - Berge lassen sich nicht
bezwingen oder besiegen, sie lassen höchstens eine Bestei
gung
zu, mehr nicht. Mit dem Fernglas rutschen die Berge noch näher, Einzelheiten
werden deutlich, verstärken Sehnsucht und Unmöglichkeit. Mühsam reißen wir uns
los, genießen den Garten, die Blüten, den See vor dem neuen Hintergrund ganz
an-ders, mit neuem Verstehen. Die Bootsfahrt vor dieser schier unbeschreiblichen
Kulisse, vor den kaltweißen Bergen und den saftiggrünen Reisfeldern, den nahen
Hügeln und deren Reflexionen im ruhigen Wasser ist der blanke Genuß! Der Bus,
der uns dann zu dem Ausgangspunkt unserer Tour bringt, ist auch ein Erlebnis...
Oder vielmehr die Straße und der Verkehr, das ständige Fahren in der Mitte mit
knappen Ausweichmanövern nach links, kurz vor dem Gegenverkehr. Allerdings kommen
uns nicht nur Fahrzeuge entgegen, auch Kühe sind unterwegs, mit dem schon
erwähnten
Unterschied, daß das Töten einer Kuh mit zwölf Jahren Gefängnis geahndet wird.
Letztendlich überstehen wir dieses erste Verkehrsabenteuer sehr gut, erreichen
un-seren Startpunkt, werden rausgelassen und laufen auf die am Horizont aufragenden
Berge zu. Langsam wachsen die Wolken, bald ziehen die Berge ihren feuchten Schleier
in falscher Scham um sich, lassen ihn erst am Abend wieder fallen, errötend
in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne... Der Tag heute ist deutlich
heißer als gestern, die Luftfeuchtigkeit dafür etwas geringer, der Anstieg gleichbleibend
steil, die Wege jedoch einfacher als gestern. Während des ersten Zeit können
wir die Berge im Hintergrund noch sehen, nach 600 - 800 m Aufstieg sehen wir
jedoch nur noch Wolken, können uns wieder der hügeligen Landschaft widmen, die
Dörfer und Menschen genießen, wir erfrischen uns in einem kleinen Bergdorf mit
Coke und passieren dann einen kleinen Weiher, der sich auf einem Bergsattel
befindet. Ein tibeti
scher
Händler läßt sich neben uns nieder, breitet Schmuck und Schnitzereien aus, wünscht
uns zum Abschied einen guten Tag, eine gute Reise, bis nächstes Jahr. Woher
weiß er, daß dieses Land Sehnsucht erwecken kann? Wieder steigen wir ab, über
Steinstufen, die nicht einer Laune der Natur, son-dern eher wegen ihrer Beständigkeit
gegenüber dem Monsunregen entstanden sind, und die bestmögliche Verbindung zwischen
den Dörfern gewährleistet. Unser Abstieg führt uns über mehrere Bergrücken,
oder sind es nur Ausläufer von Hügeln? Weiter durch alm-ähnliche Landschaften,
Büffel suhlen sich in Teichen, junge Schafen und Ziegen weiden neben dem Weg,
sitzen die Frauen und Kinder unter dem Dorfbaum, die Männer bei einem Brettspiel
und die Kinder springen neben uns her - "Namaste, where do you come from? Which
country?" Wir treffen viele Menschen, die uns entgegenkommen, Frauen mit riesigen
Lasten, den Kopf gebeugt, der mit einem Stirnband die Last abfängt, Frauen und
Männer, deren Alter wir nicht schätzen können. Und wir begegnen Männern, die
nach der Begrüßung fragen, wohin wir gehen, mit einem freundlichen, gütigen
Lächeln im faltigen Gesicht
.
Es geht abwärts, immer noch über endlos scheinende Stufen, vorbei an Hütten,
gedeckt mit Reisstroh, das nach der Ernte getrocknet wird und dessen Wechsel
jedes Jahr aufs neue erfolgt. Hütten, in denen es weder fließendes Wasser noch
elektrischen Strom gibt. Meistens befindet sich ein Lehmofen draußen vor der
Tür, das Domizil der Frauen... Zwischen den Bäumen scheint und glitzert uns
der Begnas See entgegen, in der Ferne das Hotel, der Weg bis zu den Booten ist
nicht mehr weit, bald haben wir es geschafft....