Die Sonne ist untergegangen,
wir können den See nur noch ahnen in der Dunkelheit, die Berge, die wir uns
heute erwandert haben, sind von der Schwärze verschluckt, die von keinem Licht
außerhalb unseres Hotels unterbrochen wird. Unsere heutige Ganztageswanderung
begann direkt hinter dem Hotel. Wir gelangen über zweihundert Stufen, steil
aufwärts, an eine kleine, unbefestigte Straße, die uns das erste Stück auf unserer
Tour rund um den Begnas See begl
eitet.
In Europa würden wir es als breiten Feldweg akzeptieren, hier ist es die einzige
Straße, die in die Nähe des Hotels führt... Wir treffen auf ein kleines Dorf
und ab sofort wird uns den ganzen Tag ein Ruf begleiten: Namaste! Nach der Antwort,
die ebenfalls Namaste lautet, kommt dann bei den Kindern fast unweigerlich die
Wort "Hello Pen, give me sweet,.." Wir wandern durch die terassierten Berghänge,
durch leuchtend grüne Reisfelder, die kurz vor der Ernte stehen. Dann gelangen
wir wieder in eines der verstreut liegenden Gurung-Dörfer, erleben die Frauen
b
ei
der Arbeit, beim Essenkochen oder Schnapsbrennen. Kleine Hütten schmiegen sich
an den Berghang, die Nebel, die uns den ganzen Morgen begleiteten, lichten sich,
die Sonne dringt durch und verleiht der Landschaft ein ganz anders Bild. Wieder
einmal wandern wir Stufen aufwärts und fragen uns, wer diese Treppen angelegt
hat, welche immense Arbeit ohne technische Hilfsmittel... Immer weiter geht
es aufwärts, vorbei an einem Weiher, in dem sich die Ochsen erfrischen, ein
Mann mit einem halben Baumstamm auf dem Rücken überholt uns, Kühe tummeln sich
auf dem Weg und Kinder sind vom Bild-schirm meines Camcorders so begeistert,
daß ich mich nur mit Mühe wieder losreißen kann, um den Rest unserer Truppe
wieder einzuholen. Am Gipfel angelangt, bietet sich uns ein sehr schöner und
doch wolkiger Ausblick in Richtung Himalaya. Doch hinter den malerischen Bergen
und Tälern ballen sich die Wolken, versperren uns immer noch den Blick auf die
großen Berge, nur einmal reißt dieses Wolkengebirge kurz auf, enthüllt schüchtern
einen Steilhang im ju
ngfräulichen
Weiß, um sich kurz darauf wieder zu verbergen. Hier oben, auf 1200m Höhe, direkt
neben einem Shiva-Heiligtum, ruhen wir uns aus, genießen unser Lunchpaket und
schauen den Männern zu, die unter einem großen Ficusbaum sitzend, laut aus einem
Buch rezitieren, direkt neben dem Heiligtum, das aus einer großen kreisförmigen
Vertiefung besteht, in deren Mitte der Dreizack, das Wahrzeichen Shivas errichtet
ist. Langsam werden die Kinder, die uns bis hierher gefolgt sind, immer dreister
mit ihrer Bettelei und Mohan, unter nepalesischer Guide, kann sie nur teilweise
verscheuchen. Wieder lernen wir sehr viel durch die Erzählungen von Sebastian
Wendlandt, wir erfahren wissenswerte geologische Details dieser Gegend und über
die Benutzung dieses Plateaus als Befestigungsanlage während der Kriege. Anschließend
folgt der unvermeidliche Abstieg, doch immer wieder gibt es kleine Steigungen,
die uns über die Hügel, die den See säumen, und schließlich auf das Niveau des
Sees, an eine Flußmündung, führen. Nach einer Erfrischung mit gekühlter Pepsi,
die wir zum Preis von 10 Rupien in einem kleinen Laden erstehen, fährt der größte
Teil von uns mit Booten zurück zum Hotel, zu fünft setzen wir unseren Weg, gemeinsam
mit Mohan, fort. Dazu müssen wir allerdings erst den Fluß überqueren, also Bergstiefel
und Socken aus, durch das frische Wasser gewatet, wieder anschuhen und dann
die nächsten siebzig Minuten auf einer neu ausgebauten Pseudostraße entlang
wandern, bis wir "unsere" Bootsanlegestelle erreichen und zum Hotel hinübergerudert
werden. 